Erinnerst Du Dich an deine Zeit im Kinderferienlager?
Ein Vorwort von Renate Jürgens-Pieper
Die Projektgruppe Dorfarchiv des Kulturvereins Fuhlendorf K- Drei e.V. hat am 24.7.zum dritten Mal getagt und u.a. beschlossen die bisherige Liste der Erinnerungsorte für einen Geschichtsspaziergang durch Fuhlendorf zu erweitern. Bisher wurden die drei Erinnerungsorte Traditionshafen Bodstedt, Kirche und Wallfahrtsort der Fischer St.- Ewald in Bodstedt und die Bedeutung der Krullschen Gaststätte für das Dorfleben durch drei Arbeitsgruppen bearbeitet. Bei der letzten Sitzung war man einhelliger Meinung, weitere Erinnerungsorte zu benennen, die gleichfalls ins Dorfarchiv gehören und die eine Informationstafel auf dem Geschichtspaziergang wert sind.
Einigkeit herrschte darüber, dass die Bedeutung der 45 Ferienlager rund um Fuhlendorf für das Dorfarchiv auf jeden Fall bearbeitet werden sollte. Sie waren nicht nur als zentraler Bestandteil der staatlichen Sozial- und Jugendpolitik in der DDR, sondern auch der Beginn der touristischen Entwicklung der Gemeinde, der Arbeitsplätze, Infrastruktur und eine verbesserte Versorgungslage mit sich brachte.
Die Projektgruppe Dorfarchiv sucht Menschen, die Lust haben nachzuforschen, Menschen, die darüber berichten wollen und Menschen, die dazu etwas schreiben können. Wir würden uns sehr über eine Mitarbeit oder einen Gastbeitrag in unserer Digitalen Dorfzeitung freuen. Zum Beispiel interessiert uns, wie es den Kindern eigentlich in den Ferienlagern erging. Welche Geschichten können sie aus dieser Zeit erzählen? Da die Sommerferien in der DDR einheitlich acht Wochen dauerten und viele Eltern nicht so viel Urlaub bekamen, waren die Ferienlager eine wichtige Hilfe zur Überbrückung der Betreuung, aber vermutlich nicht nur das…
Bei einem Besuch meiner in Wustrow urlaubenden Freundin Karla Götz fragte ich mangels eigener Erfahrungen, ob sie sich an ihre Zeit in einem Kinderferienlager erinnern könne. Die berührende und vielschichtige Erzählung und Bebilderung, die sie mir über das Ferienlager Neustadt-Glewe schickte, stellt sie dankenswerterweise dem Projekt Dorfarchiv und der Dorfzeitung zur Verfügung.
"Wir sind auf der Jagd nach Gammlern"
Inside Betriebsferienlager der DDR von Karla Götz
In meiner Kindheit und Jugend gab es jeden Sommer einen mit Spannung erwarteten Höhepunkt, dem wir entgegenfieberten: Das zweiwöchige Ferienlager. Betriebe tauschten untereinander die Unterbringungsmöglichkeiten. Und wir Thüringer wollten unbedingt an große, natürliche Badeseen. Was der Gewerkschaftsleitung auch gelang. Nun war die Zentralklinik Bad Berka, eine Herz- und Lungenklinik, alles andere als ein großer VEB (Volkseigener Betrieb). Aber wir hatten die liebliche Landschaft des Thüringischen Vorlandes zu bieten. Im Gegenzug erhielten unsere Veranstalter Plätze bei Partnerbetrieben. Am Schweriner See, am Plauer See, am Neustädter See (Neustadt Glewe).
Bis an die Ostsee haben wir es nie geschafft. Da saßen die großen Ferienlager wie das vom Kombinat Schwermaschinenbau Ernst Thälmann, Magdeburg, die Buna Werke Schkopau und andere Giganten des schwer arbeitenden Proletariats. Aber für uns Thüringer Schüler reichte ein See. Für uns war so eine zusammenhängende natürliche Wasserfläche, in die man nach Herzenslust eintauchen konnte, schlechthin ein Traum. Wir hatten zu Hause ja nur das Freibad.
Womit sich die erste Frage schon erledigt hat. Ja, wir kamen gerne mit. Wir wohnten gerne in Baracken, morgendliche Appelle waren uns vertraut. Und das blaue Tuch der Pioniere nahm ja auch im Koffer nicht wirklich viel Platz weg. Heimweh? Nein, auf gar keinen Fall. Die Helikoptereltern waren ja noch gar nicht erfunden. Die Atmosphäre war familiär. Jeder kannte jeden, wir gingen zusammen zur Schule, wohnten zusammen in einer Siedlung rund um die Klinik und Lagerleiter sowie Gruppenleiter waren ja auch nur Arbeitskollegen von Mutti und Vati. Der Appell war kein Drill, wurde eher lax mit einem Augenzwinkern durchgezogen, wie man das von medizinischem Personal erwarten durfte. Wir waren schließlich nicht die Pionierrepublik Wilhelm Pieck. Das schreibe ich, weil im Nachhinein von ideologischer Beeinflussung die Rede ist. Die hatten wir aber doch vor allem in der Schule im Staatsbürgerkundeunterricht.
Bei uns ging es beim morgendlichen Aufmarsch darum, was der Tag bringen wird: Ausflüge, Schnitzeljagd, Dampferfahrt, die mit Riesenspannung erwartete Neptuntaufe…
Paradies: Plötzlich Brause
Nun bin ich schon Mitte 70. Aber ich erinnere mich immer noch mit einem Kribbeln im Bauch an eine unverhoffte Überraschung, wie es sie noch nie gegeben hatte. Ich habe inzwischen mit zwei Zeitzeugen und Mitfahrern gesprochen. „Ach, Du meinst die rote Fassbrause“, schallte es. Auch sie haben diesen unsagbaren kulinarischen Glücksfall bis ins Alter hinein nicht vergessen. Und der kam so: Die Klinik Bad Berka hatte für das Ferienlager am Plauer See, es muss 1966 gewesen sein, die Lübzer Brauerei als Partner. Die gehörte zum VEB Getränkekombinat Schwerin und war für ihre vielfältigen Limonaden bekannt. Wir kamen an, da lag auf einem Gestell ein kleines Fass mit einem Zapfhahn. Als der Lagerleiter sagte, jeder darf sich hier mit seiner Tasse ganztägig so viel Brause nehmen, wie er will, klappten die Kinnladen herunter. Und das Beste: War ein Fässchen leer, wurde es auch noch erneuert!
Teenager: Musik tritt in unser Leben
Mit 14 Jahren blubberte nicht mehr Fassbrause in den Körpern, sondern eine unbestimmte sehnsuchtsvolle Spannung und Gärung kam durch Musik auf. Das hat die Lagerleitung auch aktiv gelöst. Am Schweriner See erschien ein junger Mann mit Gitarre und spielte Beatles-Songs. Wir hin und weg. Ein beigefügtes Foto lässt die Atmosphäre erahnen.
Wie frei es letztlich zuging, fand ich auf einem Zeitdokument wieder. Eine Ansichtskarte, die ich meiner Schulfreundin im Sommer 1969 schrieb und die sie aufbewahrt hat. Wir waren in Neustadt-Glewe, Partner waren die dortigen VEB Lederwerke August Apfelbaum (mit 1700 Beschäftigten größter Hersteller von Schweinsleder in Europa, 1991 abgewickelt). „Wir sind auf der Jagd nach Gammlern, weil wir ein Radio brauchen“, schrieb ich ihr auf dieser Ansichtskarte. Zur Erklärung: „Gammler“ hatten in der DDR-Jugendkultur eine positive Konnotation. Gemeint waren langhaarige Freaks, ausschließlich Jungs, die Beatmusik hörten. In Neustadt-Glewe scheinen derer mehrere rumgestanden zu sein. Denn, so mein Urteil: „Die Auswahl ist ganz gut“. Und dann: „Jetzt eben hat uns ein Kerl sein Radio bis heute Abend gegeben.“ Ein Glücksfall muss das wohl gewesen sein. „Wir hören gerade Soldatensender.“ Erklärung: Der Soldatensender war ein Geheimsender der DDR, der etwa zehn Jahre lang bis 1972 auf 935 kHZ Mittelwelle ausstrahlte. Von Burg bei Magdeburg aus sollten Bundeswehrsoldaten mittels aktueller Popmusik erreicht und ideologisch beeinflusst werden. In der DDR war das Abhören nicht gerne gesehen, also gehört. Machten wir aber trotzdem. Und so lernte ich die Bee Gees kennen.
Auch wenn ich jetzt lieber Opern genieße, die Jugenderinnerungen an unsere Ferienlager sind noch heute bewegend und nie vergessen. Abschließend ein Urteil meiner Freundin Bärbel: „Wir hatten doch eine schöne Kindheit und bisher ein gutes Leben ohne Krieg.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.















