Der Ruf der Kraniche ist in diesen Wochen in Fuhlendorf morgens und abends zu hören. Dieses laute, durchdringende Trompeten oder Schmettern gehört spätestens im Oktober zum dörflichen Lebensgefühl. Jeder weiß, der Sommer ist vorbei, wir bereiten uns auf den Herbst und Winter vor. Das durchdringende Tröten wird lautmalerisch im lateinischen Namen Grus grus nachgebildet. Unter optimalen Bedingungen ist dieser Ruf im offenen Gelände über zwei Kilometer weit zu hören.

Beim Besuch des NaBu-Erlebniszentrums Kranichwelten am Günzer See empfing uns dieser Kranichruf. Automatisch drehten wir die Köpfe gen Himmel, fanden aber nur die Lautsprecher über dem Eingang.
In der Ausstellung habe ich dann erfahren, woher dieses gewaltige Stimmvolumen kommt. Die Kraniche verdanken es ihrer Anatomie. Ihre Luftröhre ist bis zu 130 cm lang und durchzieht das Brustbein in Form einer Doppelschlinge. Diese Konstruktion kann man in der Ausstellung an einem Kranichskelett nachvollziehen. Es funktioniert wie ein natürlicher Resonanzkörper, vergleichbar mit einer Posaune
verstärkt es den Schall massiv. 

Kranich skelett
Kranichskelett

Wenn man genauer hinhört, verfügen die Kraniche sogar über verschiedene Lautäußerungen, über ein komplexes Repertoire an Lauten für die innerartliche Kommunikation. Meist kennt man den Kontaktruf (Flugruf): Ein weit hörbares, rhythmisches Trompeten („Krr-u“ oder „Karr-to“), das die Vögel vor allem beim Formationsflug im Frühjahr und Herbst ausstoßen. Es dient dazu, die Gruppe zusammenzuhalten und die Orientierung zu wahren.
Dann gibt es den Duett- oder Balzruf: Ein perfekt aufeinander abgestimmter Gesang von Paaren in der Brutzeit. Das Männchen beginnt mit ein bis zwei tiefen Tönen, worauf das Weibchen sofort mit zwei bis vier höheren Tönen antwortet. Beim Rufen richten beide Partner Kopf und Schnabel steil nach oben. Bekannter ist der Warnruf, wenn sie sich durch andere Tiere oder Menschen gestört fühlen.  Ein intensiver, oft abgehackter Doppelruf, der bei akuter Gefahr ausgestoßen wird und den gesamten Schwarm alarmiert und aufsteigen lässt.


Das alles und viel mehr kann man beim Besuch im Nabu –
Erlebniszentrum Kranichwelten und im daneben liegenden Kranorama in Altenpleen, etwa 16 km östlich von Barth, erfahren.
Wir betraten fröhlich eingestimmt durch die Kranichrufe am Engang den Kassenbereich, der zugleich Museumsshop und – cafe ist, und wurden freundlich mit dem Hinweis empfangen, dass immer zur vollen Stunde der preisgekrönte Kranichfilm im Kinoraum beginnt. 

Dieser bot einen guten Start ins Thema und führte uns durch ein ganzes Kranichjahr. Dabei wurde der eurasische Kranich oder Graukranich beobachtet, der auch gerade hier bei uns seine Herbstrast vor dem großen Flug nach Südspanien einlegt.

Er wird bis zu 1.30 m groß, ist 5 bis 7 kg schwer und hat eine
Flügelspannweite bis zu 2.20 m. Typisch für die erwachsenen
Graukraniche ist der rote Federschmuck am Kopf. Der Graukranich ist inzwischen dank der Schutzmaßnahmen in seiner Existenz ungefährdet und lebt in Eurasien mit 700.000 Individuen.

Im Film wurden die Balztänze und die Paarung gezeigt. Kranichpaare lernen sich häufig schon im ersten oder zweiten Lebensjahr kennen. Mit der Geschlechtsreife im Alter von drei Jahren versuchen sie, ein Revier zu besetzen und dieses gegenüber Artgenossen zu verteidigen. 

Zu jedem Revier gehört ein Feuchtgebiet, das als Brutplatz dient. Hier wird mitten im Wasser meist auf ein paar Wurzeln ein Nest gebaut. In dieses werden Ende März bis Anfang April in der Regel zwei etwa 30 cm große Eier gelegt. Nach einer Bebrütung von 29 bis 31 Tagen schlüpfen die Jungen und erkunden sehr schnell ihre Umgebung. Die Elternpaare bleiben nach ihrer „Hochzeit“ meist lebenslang zusammen. Dabei können sie bis zu 25 Jahre alt werden.

Der Film zeigte das Brutgeschäft und die Aufzucht der Jungen in den Feuchtgebieten. Das Paar brütet gemeinsam, betreut und bewacht gemeinsam die geschlüpften Jungen. So bekommen sie gezeigt, wie sie sich ernähren sollen. Sie fressen Insekten, Schnecken, Würmer, Getreide, u.a. Mais und Hülsenfrüchte. So wachsen sie innerhalb von 10 Wochen zu braun-grau gefiederten Jungvögeln heran und werden
von den Eltern den Sommer über auf ihren ersten großen Flug vorbereitet. Die schönen roten Federn am Kopf fehlen zu dieser Zeit noch. Die Jungvögel halten sich bei ihren Eltern auf, bis der lange Flug im Herbst in den Süden losgeht.

Gerade sammeln sie sich in unserer Region, um sich Energiereserven in Form von Fettdepots für das große Abenteuer anzufressen. Sie brauchen etwa 300 g Körner pro Tag, während sie sonst die Hälfte fressen. Sie werden dabei mit Maiskolben durch sogenannte Ablenkfütterungen auf bestimmte Flächen gelockt. Diese Maßnahme ist dazu gedacht, die Landwirte nicht zu verärgern, weil die Tiere sonst die gerade auflaufende Wintersaat bei ihrer Futtersuche zerstören.

Nach dem Film schauten wir uns die gut gemachte Ausstellung zum Leben der Kraniche auf Schautafeln, Fotos und Dioramen an. Dabei werden auf einer Karte die drei großen Flugrouten von Skandinavien nach Spanien und Nordafrika vorgestellt. „Unsere“ Kraniche fliegen im Herbst auf der Westroute mit Zwischenstationen nach Südspanien und im Frühjahr wieder zurück. Sie verlassen in auffälligen V-Formationen ihre nördlichen Brutgebiete, wenn sie durch den Jahreszeitwechsel nicht mehr genügend Nahrung finden. Je nach Lage legen sie dabei halbjährlich Strecken von bis zu 6000 km zurück.
Die Zugstrecken haben sich im letzten Jahrhundert allerdings deutlich verkürzt. Bereits mehr als die Hälfte der heimischen Kraniche überwintert heutzutage in Deutschland, während vor 100 Jahren ein Großteil der Vögel bis nach Nordafrika zog.

Kranich beschriftung
Merkmale eines Graukranichs

Die Zahl der Kraniche an der Vorpommerschen Küste lag am 3.10.26 bei 23.727, aber es werden jetzt jeden Tag mehr, schließlich erwartet man bis zu 60.000, die vor Zingst ein paar Wochen ihr Nachtquartier nehmen. Der Abflug beginnt irgendwann gemeinsam, ohne dass man trotz aller Überwachungsmassnahmen weiß, wodurch die Entscheidung fällt.

Route kranich
Route der Kraniche

Die Ausstellung ist für Kinder und Erwachsene konzipiert und wird ergänzt durch ein großes Freigelände mit vielfältigen Spielgeräten für die Kleinen.
Wir gingen über den Fußweg zum Kranorama, um dort die Kraniche in der  freien Wildbahn zu erleben. Das Kranorama ist ein großer, runder Holzbau, aus dessen Fensteröffnungen im 1.Stock man die Tiere beobachten kann, ohne sie zu stören.

Kraniche haben eine Fluchtdistanz von 100 bis 200 Metern und reagieren auf Geräusche sehr empfindlich. Insofern  ist die Kanalisierung des Interesses der vielen wissbegierigen Menschen eine gute Idee.  Denn durch ständiges Auffliegen im Rastgebiet verlieren die Vögel viel Energie, was zu einem längeren Verweilen führen kann, um die Verluste wieder auszugleichen.

Im Kranorama stehen überall freundliche Ranger für Auskünfte zur Verfügung, aber  auch um auf Verhaltensregeln aufmerksam zu machen. Für Besucher, die kein Fernglas dabeihaben, steht auch ein Spektiv bereit, mit dem man die Kraniche hervorragend  beobachten kann. Ein Besuch zu dieser Zeit lohnt sich, um mehr über die Kraniche, die schon in frühere Zeit die Menschen fasziniert haben, zu erfahren.

In Japan ist der Kranich ein Symbol des Glücks der Langlebigkeit. Nach japanischem Volksglauben bekommt derjenige, der 1000 Origami-Kraniche faltet, von den Göttern einen Wunsch erfüllt. Ein echtes Projekt für die kommenden dunklen Wintermonate in Fuhlendorf. In Schweden sind sie Vögel des Glücks, weil ihre Ankunft als Vorzeichen des Frühlings gewertet wird, die Wärme und Licht verheißt. 

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Rast
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