„Mögest Du dir die Zeit nehmen, die stillen Wunder zu feiern, die in der lauten Welt keine Bewunderer haben.“

Dieser mir am Ende der Kirchenführung überreichte Segensspruch ist ein schöner Leitspruch für mich im neuen Jahr 2026.

Kurz vor Silvester hatte die Tourismuszentrale zur letzten Führung vor dem Jahres­wechsels durch die Bodstedter Kirche eingeladen.  Den Besuch nehme ich zum An­lass, über einen besonders geschichtsträchtigen Ort in unserer Gemeinde zu berich­ten.

Unser Führer Wolfgang Drews bat uns zuerst nach draußen an die Nordseite der Kirche. Hier im eisigen, vom Bodden kommen­den Wind begann er seine sachkundige Führung an der kleinen Kapelle. Sie ist der Ursprung der Kirche, blieb als Anbau bestehen und ist auch aus dem Kircheninnern durch eine Tür erreichbar.

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Er erzählte zur Entstehung der Kirche die Geschichte von der Rettung der Heringsfischer bei einem Sturm. Wir konnten die Freude der Fischer nachvollziehen, als der stürmische Wind aufhörte, denn er bat uns danach ins Innere der Kirche.

Vorher machte er noch darauf aufmerksam, dass vor der kleinen Kapelle ein Kirch­turm stand, der zugleich Landmarke für die Seefahrer gewesen ist, die aus dem Prerowstrom auf den Bodstedter Bodden kamen.

Der etwa zehn Kilometer lange Wasserweg war bis ins 19. Jahrhundert eine Verbin­dung von der Ostsee in den Bodstedter Bodden. Im Jahr 1872 kam es zu einem schweren Sturmhochwasser, das den nördlichen Teil des Stroms mit einer Sandbarre verschloss. Gleichzeitig erlebten die Menschen an der Ostsee von Dänemark bis Pommern, auch unsere Vorfahren in den Boddendörfern, das schwerste bekannte Ostseesturmhochwasser. Diese Jahrtausendsturmflut erreichte Wasserstände von 3.30 Meter, tötete Menschen und zerstörte Häuser. Zwei Jahre später schütteten die Menschen aus Angst vor einer Wiederholung die Verbindung zur Ostsee endgültig zu.

Der Kirchturm war auch Orientierung für viele Kirchgänger vom Darss und Zingst, die mit Booten über den Bodden kamen, solange es dort nach keine Kirche gab. Unab­hängig davon sind in den Archivmaterialien Fährstellen in Born, Bliesenrade, Prerow Wiek, Michaelsdorf und Bodstedt verzeichnet (Deutsches Schifffahrtsarchiv). Schwie­rig ist die Datierung ihres Betriebes.

Im Inneren der Kirche erzählte uns Wolfgang Drews, dass die spätgotische bestehend aus zwei Jochen mit einem Chorpolygon im Osten von Hermann von Vitzen aus Divitz am 22. Mai 1463 zu Ehren des Schutzpatrons St. Ewald gestiftet wurde.

Die von Vitzens kamen um 1364 mit Albrecht III. Herzog von Mecklenburg, der zum König von Schweden gewählt wurde, nach Schweden. Die schwedischen und dänischen von Vitzens sind zu bedeutenden Stellungen und großem Besitz ge­langt, u. a. als schwedische Ritter und Reichsräte. Hermann von Vitzen trat zum Teil als Vertreter des Königs auf und Ritter Vicke von Vitzen IV. war einer der wichtigsten Berater des Königs. Sie gehörten zum Schwedischen Adel und zum Schwedischen Reichsrat.

Anlass für den Bau war also die wundertätigen Rettung von Barther Herings­fischern aus Seenot. Als sie während eines furchtbaren Sturmes im Gebet Gott um Hilfe angerufen hatten, ließ das Unwetter schlagartig nach. Im Zusammen­hang mit diesem „Wunder“ entwickelte sich um 1500 die Kirche St. Ewald zu einem bedeutender Wallfahrtsort für Seeleute in Norddeutschland.

Sie wurde als Wallfahrtskapelle für St. Ewald errichtet. Das ist die niederdeutsche Form für den heiligen Ubald oder auch Theobald. Eine Fingerreliquie von Ubald von Gubbio wird im Münster zu Thann im Elsass verehrt. Die Wallfahrt nach Thann war im Mittelalter vor allem in Norddeutschland sehr beliebt, bevor es Bodstedt gab.

Als in der Region Barth 1533 die lutherische Lehre übernommen wurde, kam die Wallfahrt allmählich zum Erliegen.

Das Kirchengebäude bestand zunächst aus zwei gotischen Jochbögen mit typisch gotischen Fenstern, erst das später angebaute dritte Joch hat Rundbogen­fenster. Die hinter dem Altarraum angebaute Beichtkammer, wurde 1936 abgerissen. Sie wurde auch nach der Reformation 1517 noch benutzt und verlor erst mit der Herabstufung der Beichte im protestantischen Glauben ihre Funktion.

Nur der neuneckige Taufstein aus Granit, auch Fünte genannt, und die filigrane Wandmalerei an der Nordseite der Kirche, dort wo sich die Tür zur kleine Kapelle be­findet, sind von der mittelalterliche Ausstattung erhalten.

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Das übrige Inventar stammt ebenso wie die mit Akanthusmalereien verzierte Balken­decke aus der Barockzeit. Das Akanthusblatt steht für Unsterblichkeit und Auferstehung. Die Akanthuspflanze hat im Deutschen auch den Namen Bärenklau.

Inmitten der goldenen Blätterranken auf blauem Grund befindet sich ein Wappen, das an die schwedische Zeit Pommerns von 1648 bis 1815 erinnert. Im Westfälischen Frieden ging Pommern am Ende des Dreißigjährigen Krieges  an Schweden.

Schwedens Drei-Kronen-Wappen (Tre Kronor) befindet sich unter Decke in Bodstedt. Bis 1973 trugen alle Schwedenkönige den Titel „König der Schweden, Goten und Wenden“.

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Ab 1740 wurde das Innere der Kirche die Kanzel, der Pultengel und der Altar barockisiert. Den für eine Dorfkirche üppigen Altaraufsatz von 1741 schmückt ein Abendmahlsbild. Darüber befindet sich als Figurengruppe Jesus zwischen Moses und Elias vor seinen Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes. Hier wird die Verklärung des Herrn dargestellt.

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Die Evangelienbilder an der barocken Kanzel sind frisch renoviert und die Statik wurde ertüchtigt, so dass der Pastor wieder ungefährdet von dort predigen kann.

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Nach der Barockisierung wurde die Kirche erst wieder 1934 von Bernhard Hopp in größerem Masse umgestaltet, mit figürlichen Wandmalereien versehen und die in die Kirche hineingezogene Empore zurückgebaut zu einer Orgelempore.

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Die Orgel wurde 1887 vom Stralsunder Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel gebaut und bisher zweimal restauriert.

Das Kirchengebäude gehört der Kirchengemeinde Bodstedt-Flemendorf-Kenz in der Propstei Stralsund im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis.

Zum Schluss verabschiedete uns Wolfgang Drews nach einer inhaltsreichen Führung mit einer kleinen Lesung „De Herr is mien Stuehrmann“ und gab uns gute Wünsche mit auf den Weg ins neue Jahr.

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