Es gibt Weihnachtsgeschenke, die man beim nächsten Weihnachtsfest schon vergessen hat. Mein Fischerteppich, der jetzt unseren Treppenaufgang ziert, gehört garantiert nicht dazu. Er hat eine lange Geschichte, die mit der Fischereitechnik des Zeesens, dem Knüpfen von Netzen und dem häufig schweren Lebens der Fischer in Vorpommern zu tun hat.
Im Alten Hafen in Bodstedt weisen die Fischernetze, die dort getrocknet werden, auf das alte Handwerk des Fischfanges mit den Zeesbooten hin, der hier in den vergangenen Jahrhunderten betrieben wurde. Er war lange Existenzgrundlage für die Menschen an den Boddengewässern in ganz Vorpommern.
Heute ist die Fischerei im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft vielen Bestimmungen und Normen unterworfen. So sind grundsätzlich nur schonende Fangmethoden erlaubt, die wenig sogenannten Beifang und geringe Störungen des Ökosystems verursachen. Dazu zählt die Verwendung von Reusen, Stellnetzen, Langleinen und Handangeln. Seit den 90er Jahren ist das Zeesen mit den speziell dafür gebauten Zeesbooten verboten und darf nur einmal im Jahr zum Zwecke der Traditionspflege auf dem Saaler Bodden ausgeübt werden. Das Knüpfen und Knoten der Netze sowie das ständig nötige Ausbessern war eine wichtige Fähigkeit der Fischer und spielte für die Geschichte der Entstehung der Fischerteppiche die entscheidende Rolle.
Im Jahr 1928 bewilligte die Regierung des Landes Preußen für drei Jahre Hilfsgelder für die notleidenden Fischer an der Ostsee, die von einem Fangverbot betroffen waren.
Für die Verwendung der Mittel waren die Landräte zuständig. Während die meisten das Geld auszahlten, wollte der Greifswalder Landrat Werner Kogge mit seiner Hilfe andere Erwerbsmöglichkeiten schaffen. Ihn leitete dabei das Prinzip Hilfe zur Arbeit.
Er schlug als Ersatztätigkeit zum Fischen das Teppichknüpfen vor, da er der festen Überzeugung war, daß die Fischer durch das Knüpfen und Flicken ihrer Netze und Reusen über das hierzu nötige Geschick verfügten.
Auf eine überregionale Zeitungsanzeige meldete sich der österreichische Textilfachmann Rudolf Stundl. Dessen Ernennung zum Beauftragten zur Gründung einer Teppichknüpferei in Vorpommern erwies sich als wahrer Glücksfall.
Rudolf Stundl war im handwerklichen Umgang mit Web- und Knüpftechniken ausgebildet und hatte bereits 1922 in Zagreb Erfahrungen im Restaurieren von orientalischen Teppichen sammeln können. Er entwickelte spezielle Webstühle, die in den niedrigen Fischerkaten Platz fanden, und ließ diese nach seinen Plänen von Tischlern der Region anfertigen.
Da die Teppichproduktion in Heimarbeit erfolgen sollte, gründete man als gemeinsames Dach aller Teppichknüpfer die Pommersche Fischerteppich Heimknüpferei mit Sitz in Greifswald. Rudolf Stundl übernahm die Schulung und Betreuung von anfänglich 52 Teppichknüpfern.
Stundl entwarf maritime Teppichmotive, wie Fische, Anker, Möwen, Stranddisteln oder Koggen und legte zur Landschaft passende, gedeckte Farben, vor allem Braun- und Blautöne fest, um einen Wiedererkennungswert zu schaffen. Er stellte auch die notwendigen Kontakte zum Verkauf der ersten fertigen Fischerteppiche her und erzielte bald größere Aufträge.
In der NS- Zeit waren die Fischerteppiche als heimatliche Volkskunst gut zu verkaufen, ihre Produktion kam erst im zweiten Weltkrieg zum Erliegen.
In der DDR wurde 1953 zur Wiederbelebung dieses Handwerks vom gleichen Rudolf Stundl eine Handwerkliche Produktionsgenossenschaften (PGH) gegründet.
Die PGH „Volkskunst an der Ostsee“ wurde in den Folgejahren auf weitere Standorte wie Wolgast, Lassan, Heringsdorf und Zinnowitz ausgedehnt.
Aufgrund ihres ursprünglichen Entstehungsortes, des Fischerdorfs Freest am Peenestrom, wurden sie zu DDR-Zeiten als Freester Fischerteppiche vermarktet. Im vorpommerschen Freest sind übrigens auf der namhaften Bootswerft Jarling eine Reihe der Zeesboote gebaut, die heute ihren Heimathafen in Bodstedt haben.
Nach der Wende wurde die PGH 1992 aufgelöst und die noch vorhandenen Teppiche unter Preis verkauft. Aus dieser Zeit stammt mein Teppich, der von einem gebürtigen Greifswalder aus Heimatverbundenheit mit einer Reihe anderer aufgekauft wurde. Ein Teppich mit Geschichte.
Die Kultusministerkonferenz der Länder hat diese Geschichte der Fischerteppiche gewürdigt und sie auf Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Seit März 2023 gehören sie als „Vorpommersche Fischerteppiche“ zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands.
Als wir uns im Kulturverein K-Drei e.V. mit einem Geschichtsrundgang durch das Dorf beschäftigt haben, kam das Knüpfen und Knoten ins Spiel. Sollte man für interessierte Einheimische wie Touristen ein Kursangebot machen, um diese alte Handwerkstechnik zu zeigen und die Geschichte des Teppichknüpfens als Ostseekunst erzählen?
Ich wollte mehr über das Kunsthandwerk des Knüpfen von Fischerteppichen erfahren und fand im Internet die Werkstatt von Ulrike Sulk. Sie gehört bis heute zu den wenigen Menschen, die die Arbeit mit dem Knüpfstuhl beherrschen. Von den ganz wenigen Künstlerinnen entstehen wertvolle Unikate aus Leinenfäden, reiner Schafwolle mit maritimen Motiven der Region und individueller Phantasie, ein Alleinstellungsmerkmal der vorpommerschen Fischerteppiche.
Wellen, Schiffe, Vögel, Anker, Stranddisteln, Netze, Wald und immer wieder Fische in originellen Kombinationen kommen zur Darstellung. Plattfische, Zweifische, Dreifische, Vierfische, springende und tanzende Fische machen den Teppich zum Fischerteppich. Oder wie Ulrike Sulk sagte: „Diese stilisierten Motive sind das Markenzeichen. Wenn die nicht vorhanden sind, ist es ein Teppich mit Fischen, aber kein Fischerteppich.“
Nach ihren Angaben hat ein Quadratmeter Fischerteppich ca. 56.000 Knoten und verbraucht ca. 850 g Kettgarn, 200 g Schussfäden sowie 2500 g Schafwolle. Sie bietet auch Kurse in der traditionellen Knüpftechnik an und für Interessierte gibt es einen Knüpf- und Informationstreff in Greifswald.
Ulrike Sulk zeigte uns auch ihre auf Millimeterpapier entstehenden grafischen Entwürfe und kopierte mir einen Teppichentwurf mit Wellen, Fischen und tanzenden Kranichen. Seitdem träume ich davon, den ersten Fischerteppich mit Kranichen und Zeesbooten zu entwerfen und zu knüpfen.
Dazu bedarf es sicherlich noch einer ausführlichen Anleitung am Knüpfstuhl, die uns Ulrike Sulk freundlicherweise im kommenden Jahr angeboten hat.
Wer beim Lesen Lust bekommen hat mitzumachen, kann sich gerne anmelden ( post@kulturverein-fuhlendorf.de). Der Kulturverein Fuhlendorf K-Drei e. V. wird sich bei Interesse bemühen, ein Kursangebot hier in Fuhlendorf zu etablieren.
Wer in der ruhigen Zeit zwischen den Jahren noch mehr dazu lesen möchte, dem empfehle ich „Fischers Frau“ von Karin Kalisa. Sie lässt in ihrem spannenden Roman die Geschichte der Pommerschen Fischerteppiche lebendig werden.
Mit diesem schönen Vorhaben für das Jahr 2026 wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Erfolg, Freude und Zuversicht mit ihren persönlichen Planungen im neuen Jahr.








